Familie Erde

Unecht

2022-04-19

Das Unbehagen fing nicht mit der Fotografie an. Sie hat es lediglich sichtbar gemacht. Mich zum Nachdenken gebracht, und mir schließlich mein Leben zurĂŒckgegeben.

Eins nach dem anderen: digital hat mir viel Spaß gemacht. Das Ausmaß an Kontrolle ĂŒber die Dinge. Software, die auf Knopfdruck aus Bildern gute Bilder macht. Die mir zeigt, wann und wo ein Bild aufgenommen wurde. Die mir alle meine Bilder zu FĂŒĂŸen legt, so dass ich nur sagen muss, was ich suche und mir sofort alle passenden Bilder zeigt. Technik, die auch allerkleinste Details aufnimmt. Die Fehler kompensiert. Und optimiert, wenn es anders sein soll, das Bild. Mit jeder weiteren Möglichkeit, die mir digital bringt, wird mein Ausmaß an Kontrolle grĂ¶ĂŸer. Gleichzeitig wĂ€chst der Druck, Optimierungen vorzunehmen, weil sie ja so leicht zu erreichen sind. Und jeden Tag wird die RealitĂ€t unrealistischer. Bis sie zu einem sĂŒĂŸlich-verklebten Klumpen geworden ist, den man nur durch Zuckerzugabe noch schmackhafter machen kann. Machen muss. Wer nicht optimiert, verliert. Gegen alle anderen, die optimieren. Und wer optimiert, verliert: die Wahrheit.

Schau dir ein Digitalbild mal von ganz nah an: es besteht aus rechteckigen, regelmĂ€ĂŸig angeordneten Punkten. Was von weitem wie ein Bild aussieht, ist von ganz nah ein GefĂ€ngnis. Scharf, schneidend, konstruiert. So, wie es die Kamera macht. Oder die Software. Oder deren Entwickler. Oder die KI. Oder der Wettbewerb. Und doch reicht es am Ende nicht. Digital ist immer ein Engpass. Wer die ganze Welt abbilden will, braucht unendlich viele unendlich große Sensoren und dahinter eine Armada von Prozessoren, die die in Bits umgewandelte RealitĂ€t verarbeiten können. So bin ich beim analogen Fotografieren gelandet. Die FlĂ€che eines 8x10 Inch Großformat-Negativs trĂ€gt mehr Bildinformationen als der beste Sensor speichern kann. Meine Idee war: das Bild schnell auf ein analoges Medium aufzeichnen. FĂŒrs Digitalisieren kann man sich ja dann Zeit lassen. Und dann merkte ich, dass das analoge Abbild der RealitĂ€t mit all seinen so zufĂ€llig und ungeordnet scheinenden Bildpunkten um so vieles nĂ€her an der natĂŒrlichen RealitĂ€t ist als das Digitalbild, das so gezwungen konstruiert wirkt. So war die analoge Fotografie der Beginn eines Erwachens.

In der digitalen Welt wird alles zum optimierten Kunstprodukt. Jedes Bild, jeder Kontakt, jede Musik, jede Speise, einfach alles. Du gewinnst Kontrolle und verlierst deine Freiheit. Du sperrst das UngezĂ€hmte, Wilde, Unbeherrschbare einfach ein. So wie die Chinesen ihr ganzes Volk einsperren. In einen engen KĂ€fig der Kontrolle (durch Trolle), Überwachung und Repression. Digital. Effizient. Gnadenlos. Niemand muss sich mehr rechtfertigen, denn die TĂ€ter sind ja Algorithmen, die nur das Zusammenleben aller optimieren. Dagegen kann man doch nichts haben, nicht wahr?

Als ich nach gut 30 Jahren zum ersten Mal wieder eine analoge Schallplatte auf einen analogen Schallplattenspieler auflegte und den Tonarm ĂŒber dem Ă€ußeren Rand der Schallplatte absenkte, ahnte ich nicht, was gleich kommen sollte. Obwohl ich das Erlebnis anloger Fotos vor nicht allzu langer Zeit hatte. Mit den ersten analogen Tönen hatte ich das GefĂŒhl, mein Leben strömt in mich zurĂŒck. Ein freies, wildes, unbestimmtes Leben, lange vergessen vor lauter Sucht nach Kontrolle. Ich musste weinen, weil plötzlich alles so einfach schien: der Plattenspieler fing ohne Verzögerung an, die Platte abzuspielen. Er installierte nicht erstmal das neueste Update seines Betriebssystems. Auf der Platte war auch nur Musik, und kein Werbevorspann, den ich skippen musste. Einfach nur Musik. Und niemand fragte, ob er das Lied einer Playlist hinzufĂŒgen soll. Keiner zeigte mir unaufgefordert die Interpreten an. Ich wurde einfach in Ruhe gelassen. Alleine mit der Musik, die mich gĂ€nzlich erfĂŒllte. Und ich wusste: niemand wird den Plattenspieler hacken und in einen Rechnerverbund integrieren, der Bitcoins schĂŒrft.

Schließlich wurde mir klar, dass die digitale Welt nicht einen einzigen Genuß mehr bringt als die analoge. Die digitalen GenĂŒsse sind auch nicht besser als die analogen, sie sind nur bunter (mit scheußlichen, kĂŒnstlich intensiven Farben). Die digitalen Töne hören sich zwar knackiger an als die analogen, aber hauptsĂ€chlich hĂ€rter. Die digitalen Bilder wirken prĂ€ziser, sind aber eigentlich nur gnadenloser. Die Gefahren, die die digitale Welt bringt mit ihrer unbegrenzbaren Kontrollierbarkeit werden bald in der totalen, totalitĂ€ren Kontrolle mĂŒnden, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Der Digitalismus ist die ultimative mÀnnliche Herrschaftsform.

Die Welt ist weiblich, ihr Untergang mÀnnlich.

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